Solidarität statt Spaltung der Gesellschaft (Elitenverantwortung)
Unsere Stadt Hamburg zählt zu einer der modernsten Metropolen in Europa. Menschen mit verschiedenen Biografien und kulturellen Hintergründen leben hier zusammen und formen eine vielfältige Gesellschaft. In dieser heterogenen, aber auch von sozialen Spannungen nicht freien Gesellschaft ist der solidarische Zusammenhalt überlebenswichtig. Mit der Primarschule macht Hamburg einen großen Schritt in die richtige Richtung, weil sie Verschiedenartigkeit zulässt und Solidarität fördert. Eine Spaltung der Gesellschaft kann sich unsere Stadt nicht länger leisten, denn sie ist nicht nur sozial ungerecht, sondern auch wirtschaftlich kontraproduktiv.
Deshalb tragen unsere Eliten auch Verantwortung dafür, dass jetzt der richtige Weg eingeschlagen wird, der mit der Primarschule zu besserer und breiterer Bildung führt, zu mehr Fairness durch Chancengerechtigkeit. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht weiterhin erlauben, vorhandene Talente nicht zu fördern. Diese Schätze nicht zu bergen ist nicht nur moralisch fragwürdig sondern auch ein enormer volkswirtschaftlicher Verlust.
Aufstieg durch Bildung für möglichst viele:
Die Schulreform hat das Ziel, allen Kindern in Hamburg die besten Chancen zu geben: von Billstedt bis Blankenese, von Wilhelmsburg bis Wohldorf. Bildung soll nicht mehr nur von dem Elternhaus abhängen, Schüler mit schlechteren Startbedingungen werden nicht zurückgelassen, sondern aktiv und individuell gefördert. Leistungsstarke erhalten darüber hinaus ein individuell zugeschnittenes Extraangebot an Förderung.
So wird kein Schüler in Hamburg abgehängt und keiner muss sich langweilen!
Die Primarschulen und die weiterführenden Schulen arbeiten Hand in Hand (ab Klasse 4)
Die Schüler in der Primarschule erhalten ab der vierten Klasse bereits Fachunterricht aus dem jeweils zugehörigen Gymnasium. Fachlehrer der weiterführenden Schulen unterrichten die letzten zwei Jahre an der Grundschule und bereiten die Schüler somit zeitgerecht und umfangreich auf das Gymnasium vor. Auch lernen die Schüler die neuen Lehrer bereits ab Klasse 4 kennen und haben somit schon Bezugspersonen für die nächsten Jahre in der weiterführenden Schule. Zudem können die Eltern in ihre Schulwahlentscheidung bereits die Einschätzungen der Lehrer der weiterführenden Schulen einbeziehen.
Kurz gesagt: Das Gymnasium wird nicht verkürzt, sondern durch ein mehrstufiges Modell sogar aufgewertet.
Wirtschaftliche Vernunft und soziale Gerechtigkeit sprechen für die Primarschule
Neue Prognos-Studie liest Deutschland die Leviten
Deutschlands alternde Gesellschaft wird in den nächsten 25 Jahren zu einem gefährlichen wirtschaftlichen Wachstumshemmer. Zu diesem Befund kommt das renommierte Schweizer Prognos-Institut in seinem jetzt veröffentlichten „Deutschland Report“. Die Forscher erwarten danach bis 2035 nur noch einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 1,0 Prozent jährlich. Viel zu wenig im Vergleich zu den stark expandierenden Volkswirtschaften in anderen Regionen der Welt wie etwa in Asien. Schon gegenwärtig macht sich der Fachkräftemangel negativ bemerkbar. Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff: „Langfristig bremst vor allem die ungünstige demografische Entwicklung das Wirtschaftswachstum.“
Dabei schlägt, so das Ergebnis der Studie, vor allem auch die mangelhafte Integration ausländischer Mitbürger zu Buche. Umso wichtiger ist es diese Fehlentwicklung durch eine weitsichtige Schul- und Bildungspolitik zumindest teilweise zu korrigieren. Genau an diesem Punkt setzt die geplante Primarschule in Hamburg an. Sie wird durch längeres gemeinsames und den unterschiedlichen Fähigkeiten der Schüler entsprechendes Lernen von Klasse 1 bis Klasse 6 dazu beitragen, dass eben auch mehr Kinder mit ausländischen Wurzeln bessere Ausbildungs- und Entwicklungschancen erhalten.
Dies muss eingebettet sein in eine intensivierte vorschulische Förderung in den Kitas sowie den Auf- und Ausbau von Ganztagsschul-Angeboten. Die Primarschule ist ein erster und wichtiger Schritt, um Defizite der Elternhäuser auszugleichen, soweit das möglich ist. Das ist, wie man sieht, nicht nur ein Gebot sozialer Fairness, sondern ebenso sehr ein unabweisbares Erfordernis ökonomischer Vernunft. Wer beides verkennt, versündigt sich an der Zukunft unserer Kinder. Die Entscheidung für die Primarschule mit vollem Elternwahlrecht nach Klasse 6 wird zukunftsweisend sein. Sollten deren Befürworter die Volksabstimmung für sich entscheiden, könnten nach dem 18. Juli die Weichen für die Schulpolitik auch in anderen Teilen Deutschlands neu gestellt werden.
Jobst Fiedler
Bundesweit Mehrheit für Primarschule
Bundesweit sprechen sich rund 60 Prozent der Deutschen für ein längeres gemeinsames Lernen ab Klasse Eins aus. Das hat eine repräsentative Umfrage des Forsa-Instituts ergeben, die der stern veröffentlichte. Bemerkenswert auch daran: 64 Prozent der Eltern äußerten sich in diesem Sinne, nur etwas mehr als ein Drittel der Befragten lehnt längeres gemeinsames Lernen ab, wie es die neue Primarschule in Hamburg vorsieht.
Die Erhebung basiert auf der üblichen Datenmenge von 1000 Bürgerinnen und Bürgern, ist also repräsentativ und aussagekräftig. Im Unterschied zu anderen, oft TED-gestützten Umfragen, die zum Thema Primarschule in jüngster Vergangenheit publiziert worden sind.
Wir sind deshalb zuversichtlich und haben die Ziellinie 18. Juli vor Augen. Im Endspurt werden wir jetzt in den verbleibenden zwei Wochen alle unsere Energien noch einmal mobilisieren und die Reformgegner hinter uns lassen.
Mehr Förderung für jedes Kind (auch für die Leistungsstarken)
Der klassische Frontalunterricht soll weniger als bisher praktiziert werden. Stattdessen sollen die Schüler selbstständiger und individueller lernen. So haben leistungsschwächere Kinder die Chance, gegenüber ihren anderen Klassenkameraden aufzuholen und leistungsstärkere Kinder erhalten weiterführende Aufgaben und vertiefen ihr gelerntes Wissen. Ein wichtiger Bestandteil des neuen Konzeptes liegt darin, dass Leistungsstärkere die Schwächeren aktiv unterstützen und somit nicht nur Wissen, sondern auch soziale Kompetenzen erlernen.
Diese Unterrichtsmethoden werden mehr und mehr angewandt und wurden wissenschaftlich erfolgreich bestätigt. Um die Lehrer auf die neuen Methoden vorzubereiten, werden sie durch Fortbildungsprogramme begleitet. Dies wird auch an den Gymnasien breit gefördert werden. So arbeiten die Lehrkräfte auch an den Gymnasien künftig in Jahrgangsteams – der Gymnasiallehrer ist nicht mehr der Einzelkämpfer in der Klasse sondern der Teamplayer im Jahrgang.
Kleinere Klassen von der Ersten bis zur Sechsten gibt es nur mit der Primarschule
In sozial benachteiligten Stadtteilen wurden in der Vergangenheit die Klassen schon verkleinert. Hier lernen nur noch 25, bzw. 20 Schülerinnen und Schüler zusammen in einer Klasse. Bei der Umsetzung der Primarschule sollen die Klassen sowohl in der Grundschule als auch in der weiterführenden Schule noch einmal verkleinert werden. Ab dem Jahr 2010/11 werden maximal 23 Grundschülerinnen und Grundschüler (in sozial benachteiligten Stadtteilen maximal 19) ab der 1. Klasse gemeinsam lernen. Um die kleineren Klassengrößen realisieren zu können, erhalten die Grundschulen zusätzliche Lehrkräfte. Die kleinere Klassengrößen in den Klassen fünf und sechs wird es nur mit der Primarschule geben.
Von daher gilt: kleine Klassen in der Fünften und der Sechsten nur bei Einführung der Schulreform.
An den weiterführenden Schulen werden ebenfalls Obergrenzen festgelegt: an der Stadtteilschule in den Klassen 7-10 25 Schülerinnen und Schüler pro Klasse, in der Oberstufe liegt die mittlere Kursgröße bei 22 Lernenden. Am Gymnasium maximal 28 Schülerinnen und Schüler in den Klassen sieben bis zehn, in der Oberstufe durchschnittlich 22.
Wenn die Primarschule nicht eingeführt wird, können kleinere Klassengrößen in weiterführenden Schulen nicht in dem genannten Umfang realisiert werden. In diesem Fall würden kleinere Klassen nur in der Grundschule entstehen, die Schülerzahl an weiterführenden Schulen würde auf einem hohen Level bestehen bleiben.
Das Elternwahlrecht bleibt
Das Elternwahlrecht bleibt und wird mit der Primarschule sogar noch ausgebaut:
Mit der Primarschule haben Eltern nach wie vor die Möglichkeit zu entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen wird. Einziger Unterschied ist, dass Eltern zwei Jahre mehr Zeit haben und erst nach der 6. Klasse entscheiden. Nach sechs Jahren ist es deutlich besser absehbar, ob Kinder besser die Stadtteilschule oder das Gymnasium besuchen sollten. Diese Regelung gilt für Kinder mit und ohne Gymnasialempfehlung. Dabei werden die Eltern durch regelmäßige Rückmeldegespräche mit den Lehrerinnen und Lehrern in ihrer Entscheidungsfindung unterstützt. Die endgültige Entscheidung bleibt selbstverständlich bei den Eltern.
Hinzu kommt ein erweitertes Elternrecht auf Gymnasien, allerdings nur, wenn das Konzept der Bürgerschaft realisiert wird. Dann würden im Gymnasium allein die Eltern einen Schulwechsel in der Zeit von der 8. bis zur 10. Klasse beantragen können. Wer nach der 8. Klasse auf dem Gymnasium bleibt, muss mindestens bis zum ersten Bildungsabschluss (in Klasse 10) vom Gymnasium gefördert werden.
Hamburg immer noch nicht versetzt
Der neueste Schulvergleichstest der Bundesländer stellt Hamburg kein besonders gutes Zeugnis aus. Lediglich beim Hörverständnis englischer Texte verzeichnen Hamburger Schüler signifikante Fortschritte. Dieses Ergebnis dürfte erwartungsgemäß noch besser ausfallen, wenn künftig im Rahmen der sechsjährigen Primarschule Englisch bereits ab Klasse 1 unterrichtet werden würde.
Beim Leseverständnis englischer Texte landet Hamburg im Mittelfeld der 16 Bundesländer. Miserabel schneidet der Stadtstaat dagegen nach wie vor im Fach Deutsch ab, und zwar sowohl beim Lesen und Erfassen von Texten als auch in der Rechtschreibung. Da belegt Hamburg im Ranking der Bundesländer die Plätze 13 und 14. Ursächlich dafür ist nicht zuletzt die heterogene Bevölkerungsstruktur mit einem hohen Anteil von Migrantenkindern.
Da die Studie zudem abermals die Abhängigkeit der Schulleistungen von der sozialen Herkunft unterstreicht, ist dies ein weiterer Befund für die Zweckmäßigkeit längeren, gemeinsamen Lernens in der vorgesehenen Primarschule. Denn nur auf diese Weise lassen sich durch Elternhäuser bedingte Niveauunterschiede wenigstens teilweise ausgleichen. Wenn alle Kinder verschiedener Herkunft von der 1. bis zur 6. Klasse gemeinsam kommunizieren und entsprechend ihrem Können gefördert und gefordert werden, dürfte das die Sprach- und Lesekompetenz schon bald sichtbar positiv beeinflussen.


